Comiczeichner Ralf König: „Der Großteil der Welt ist homophob“

Lesedauer: 7 Minuten

Sex und Schwule, das sorgte früher für Skandale. Comiczeichner Ralf König hat die Themen auch noch kombiniert. Ein Interview über Comics, Musicals und Altersheime.

Wer zur Generation Y gehört und somit weitestgehend in den 1990ern und 2000ern sozialisiert wurde, kann kaum nachvollziehen, wie skandalös die Comics von Ralf König mal aufgefasst wurden – denn da ging es um Schwule! Und Sex! Und auch mal um beides gleichzeitig! Aber in Zeiten, in denen der Paragraph 175 noch in vielen Köpfen Bestand hatte, waren diese Comics Tabubrüche. Heute sieht das, trotz der noch immer ausstehenden Ehe für alle, zumindest in der westlichen Welt etwas anders aus: Da gibt’s geoutete Fußballprofis und Hollywood-Stars. Was geblieben ist: Ralf König macht Comics.

Wir haben Ralf König zu seinem neuen Buch „Herbst in der Hose“ interviewt und auch erfahren, warum ihn schwule Filme schnell langweilen. (Ach ja, es geht auch mal kurz um’s Altersheim. Aber nur kurz.)

Herr König, Sie haben in einem Interview mit Spiegel Online im Jahr 2004 gesagt, dass das Bild des Schwulen in den Medien in den siebziger Jahren stecken geblieben sei. Hat sich das in den vergangenen knapp 13 Jahren durch Filme wie „Brokeback Mountain“ und Serienfiguren in „Six Feet Under“ oder „Glee“ geändert?
Ja, ich hab den Eindruck, es ist besser geworden. Schwule in Film und Fernsehen sind nicht mehr zwangsläufig schrille Hühner. Wobei ich gar nichts gegen schrille Hühner habe, aber um beim Bild zu bleiben: Es gibt auch stolze Gockel in der Szene und die meisten Federkleider sind eher unauffällig. Klar, bei jeder Berichterstattung über die CSDs in Köln oder Berlin gibt‘s Fotos von spektakulären Tunten, obwohl der Großteil der Leute ganz normal rumläuft. Das ganz Normale in Jeans und T-Shirt ist halt kein Hingucker, aber der Fokus aufs Schräge verzerrt den Gesamteindruck.

Sorgt denn der offene Umgang von Schauspielern wie Neil Patrick Harris oder Fußballer Thomas Hitzlsperger für einen alltäglicheren Umgang mit Homosexualität?
Keine Ahnung, ich lebe seit 35 Jahren offen schwul und seit zwanzig Jahren in Köln, da ist schon der ‚alltägliche Umgang mit Homosexualität‘ eine seltsame Formulierung. Man versteht selbst ja gar nicht, wo das Problem ist! Sicher ist es gut, wenn Prominente als Vorbilder funktionieren. Ich hatte ja selbst nicht erwartet, dass Schwule Fußball spielen! Aber ich bin ein Kind der 70er, damals war das eins dieser Vorurteile, genau wie ‚Tunten und Technik‘, oder dass Schwule nicht auf den Fingern pfeifen können. Alles Blödsinn. Obwohl… ich bin technikdoof, interessiere mich nicht für Fußball und kann nicht auf den Fingern pfeifen. Oh Gott, ich bin ein Klischee! (lacht)


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Schauen Sie denn selbst Serien wie „Transparent“ oder „Looking“, die klaren Bezug zu LGBT-Themen haben?
‚Looking‘ kenn ich, fand ich sehr sehenswert. Aber ich sehe Filme oder Serien nicht, weil was Schwules drin vorkommt. Im Gegenteil, schwule Filme drehen sich ermüdend oft immer um dieselben Themen: Coming-out, Doppelleben, seichte Lovestorys mit schönen Jungs und Männern. Das langweilt mich schnell. Ich bin 56, irgendwann ist man auch aus dem Alter raus, dass einem das etwas Neues sagt. Aber natürlich gibt es ein immer wieder nachwachsendes junges Publikum, das diese Geschichten zur Identität braucht. Und gut, dass es inzwischen so viel gibt; als ich Teenager war, lief im Fernsehen der Film ‚Die Konsequenz‘, das war ein Riesenskandal in den 70ern! Schwule im Fernsehen, Bayern schaltete sich ab und so! Und der Film war furchtbar tragisch. Ich lebte ungeoutet auf dem katholischen Dorf, sah das mit klopfendem Herzen und fürchtete, später auch so ein Martyrium durchmachen zu müssen. Nicht gut fürs Selbstbewusstsein. Ok, „Brokeback Mountain“ funktioniert auch auf dieser Ebene, das endet ja auch sehr tragisch. Man muss sich immer klarmachen, dass die Verhältnisse in anderen Teilen der Welt komplett anders sind. Der Großteil der Welt ist homophob. Da ist es wichtig, dass Regisseure diese Geschichten verfilmen.

Zitat von Ralf König im Interview mit So. Digi. Pop.

In Ihrem neuen Buch „Herbst in der Hose“ geht es um älterwerdende Schwule. Ein Thema, das in der Gesellschaft und den Medien zu selten stattfindet?
Altern ist ohnehin mit Tabus behaftet, ob schwul oder nicht. Es wird für jeden von uns irgendwann unerfreulich, darum mag man nicht dran denken. Mein Buch handelt zwar von schwulen Männern, weil ich nun mal schwul bin, und ich bilde mir ein, dass Schwule mit dem Thema etwas anders umgehen als Heteros. In meinem Freundeskreis wird jedenfalls mehr über die Zustände gewitzelt oder sarkastisch gejammert. Noch, muss man sagen. Heteromänner haben vielleicht mehr Probleme damit, sich Blößen zu geben, Schwächen einzugestehen. Aber Probleme haben doch so ziemlich alle so ab 50 aufwärts. Frauen behaupten ja gern, Männer könnten dick und grau und glatzköpfig werden, das interessiere keinen, nur Frauen dürften nicht altern. Ich halte das für Quatsch. Wir sind nicht mehr in den 60ern, da waren die Männer tatsächlich wenig eitel. Heute leiden auch die Männer, und ‚Klimakterium virile‘ und ‚Andropause‘ sind beängstigende Begriffe. Das Buch war eine echte Herausforderung. Ich bin ja noch jung, ich musste die Begrifflichkeiten googeln, und ‚Verringerung des Hodenvolumens‘ liest man nicht gern. Als Hypochonder musste ich das Buch mehrmals in die Schublade schieben. Aber den Hoden geht‘s wieder gut, danke!

Comiczeichner Ralf König steht mit Hut vor seinen Comics
Comiczeichner Ralf König vor seinen Werken.

Für Homosexuelle höheren Semesters gibt es Senioren-Wohngemeinschaften mit Pflegedienst. Finden Sie es gut, dass es solche Angebote gibt, oder wäre es nicht wünschenswert, wenn jede sexuelle Orientierung sich in den existierenden Pflegeeinrichtungen wohl fühlen würde?
Es gibt erschütternd wenig solcher Einrichtungen, das Thema überrumpelt gerade die ganze Gesellschaft! Ich weiß nicht, ob ich einem heterosexuellen Altersheim versorgt werden möchte, nachher muss ich im Fernsehraum Fußball gucken oder in der Animationsgruppe auf den Fingern pfeifen!

Ein kleiner Schwenk zu einem Ihrer bekanntesten Werke, nämlich „Der bewegte Mann“. Das kommt als Musical im Sommer nach Hamburg. Inwiefern sind Sie in die Produktion involviert?
Gar nicht, ich weiß nur, dass da was komponiert und getanzt wird. Mit Musicals kenne ich mich auch wenig aus, ich lass das mal auf mich zukommen. Vor Jahren habe ich die euphorischen Macher in Berlin getroffen und danach war es lange still um das Projekt. Aber klar ist es erfreulich: Mein Buch wird in diesem Jahr 30 Jahre alt! Es wurde ein erfolgreicher Kinofilm draus gemacht und eine mäßig komische Fernsehserie rausgedrückt, aber mit all dem hatte ich wenig zu tun. Ich sehe sogar heute meine Zeichnungen und würde alles runder und besser machen, die Nasen nicht ganz so riesig, aber damals war’s in Ordnung so! 1987 war ein sehr produktives Jahr für mich, ‚Der bewegte Mann‘, ‚Lysistrata‘ und ‚Kondom des Grauens‘, alles mal eben so aufs Papier geschmissen. Der Saft der Jugend, stöhn… Heute brauch ich für so’n Buch um einiges länger, weil ja auch der Anspruch wächst. Ich finde, ich habe in den letzten Jahren sehr viel bessere Bücher geliefert als ‚Der bewegte Mann‘, aber das war eben die richtige Story zur richtigen Zeit. Aber hey, es gibt noch viel Stoff für Filme und Musicals, Leute! (lacht)

Freuen Sie sich als Künstler denn auf solche Produktionen oder gibt es auch ein bisschen Unsicherheit, wie andere den Stoff mit Leben füllen?
Sicher freu ich mich, dass ich etwas gemacht habe, was andere inspiriert, aber ich bin auch recht einsam am Zeichenbrett und Perfektionist. Bei den Comics entscheide ich jedes Detail selbst, da redet mir niemand rein. Sobald Regisseure, Produzenten, Schauspieler ins Spiel kommen, muss man schmerzhafte Kompromisse eingehen, über jeden Witz diskutieren, das ist meist entnervend. Weil ich mir sicher bin, dass ich recht habe und die nicht (lacht)! Nach jeder Filmerfahrung war ich froh, Comiczeichner zu sein und der Herr über meine Nasen.

Zitat von Ralf König im Interview mit So. Digi. Pop.

Sie selbst nutzen ja immer wieder bekannte Stoffe und adaptieren sie in Ihren Comics, etwa die Geschichte von David und Goliath – zugegeben mit einer anderen Storyline als im biblischen Original. Finden Sie es gut, wenn auch Ihre Werke adaptiert werden?
Ja, ich hab ‘ne Weile in der Bibel geblättert oder den Shakespeare gewälzt. Oder die Kölner Märtyrerlegende der Heiligen Ursula mit ihren ‚Elftausend Jungfrauen‘, das musste ich einfach zeichnen: Engel! Könige! 11.000 Jungfrauen! Wilde Barbaren! Der lüsterne Papst! Ganz großes Kino! Wenn jemand meine Geschichten adaptiert, ist das natürlich spannend, aber wie gesagt, mit Risiken verbunden. Musical allerdings ist ein ganz anderer Fachbereich, da mache ich mir wenig Sorgen um den Vergleich. Das wird irgendwie für sich stehen. Oder steppen.

Gibt es denn noch einen fremden Stoff, den Sie gerne mal in Ihren Comics aufgreifen würden?
Ich schiele seit einer Weile auf die Nibelungen. Interessante Charaktere, aber die mittelalterliche Dramaturgie der Geschichte ist recht sperrig. Ich weiß auch noch nicht, w a r u m gerade ich dieses Heldenlied zeichnen sollte, am Ende läuft da wieder was zwischen Siegfried und Hagen, und womöglich wäre das zu platt. Ich meine, diese verwundbare Stelle an Siegfrieds Körper… könnte man was draus machen. Ich hoffe, mir fällt noch was Besseres ein. Wahrscheinlich nicht. Seufz.