Lyrik, Poetry Slam und Twitter: Interview zum Welttag der Poesie

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Was hat Poetry Slam mit Lyrik zu tun und ist Twitter Poesie? Ein Interview mit Olaf Irlenkäuser, Geschäftsführer beim Wachholtz Verlag zum Welttag der Poesie.

Olaf Irlenkäuser ist schon etwas rumgekommen in der deutschen Verlagslandschaft: Lektor war er, Autor und Übersetzer auch; war bei Suhrkamp, Rotbuch und Murmann. Nie verloren hat er seine Leidenschaft für norddeutsche Themen, weshalb es nur folgerichtig ist, dass er nun Geschäftsführer beim Wachholtz Verlag ist – dort stehen Themen aus Norddeutschland im Fokus. Mit „Kiel im Gedicht“ erscheint dort heute ein Buch zu seiner weiteren großen Leidenschaft, der Lyrik, passenderweise wiederum am Welttag der Poesie.

Wir haben Olaf in Hamburg getroffen und mit ihm über das geredet, was Gedichte heute noch ausmachen, was Poetry Slam mit Lyrik zu tun hat und wie Twitter sich zu all dem verhält.

Olaf, ich habe mein letztes Gedicht wahrscheinlich in der Oberstufe gelesen. Ist Lyrik heutzutage überhaupt noch sexy?
Über Lyrik findet viel Selbstvergewisserung statt, es werden Welten entdeckt. Und Lyrik ist eine Waffe – eine Waffe des Wortes. Früher hat Heinrich Heine „Deutschland, ein Wintermärchen“ gedichtet, Pablo Neruda hat den chilenischen Diktatoren den Krieg erklärt, wie auch russische Dichter während der Sowjet-Herrschaft. Und ich gehe fest davon aus, dass auch derzeit in der Türkei Lyrik entsteht. Also: Lyrik ist immer stark gewesen und deshalb auch sexy.

Was macht Lyrik im Vergleich zur Prosa aus – fernab der Textform?
Lyrik kann auch in wenigen Worten eine Bombe sein. Sie kann aber auch eine Schönheit sein, dann ist sie ein Bonbon. Es kommt dabei nie nur auf das Versmaß oder die Form an, sondern die Reduktion von Worten auf das Wesentliche. Oft gilt: Je kürzer die Lyrik, desto besser.

Olaf Irlenkäuser, Geschäftsführer beim Wachholtz Verlag
Olaf Irlenkäuser, Geschäftsführer beim Wachholtz Verlag

Sind Twitter und Tweets dann die moderne Form der Lyrik?
Nein, Lyrik ist das Gegenteil von Twitter. Twitter filtert keine Gedanken. Man schaue sich Trump an: Da folgen drei zusammenhängende Tweets aufeinander, weil er seine Gedanken nicht zügeln kann. Denn was Trumps – und viele andere – Tweets ausmachen, hätte man auch in drei Worten sagen können. Diese Reduktion würde Tweets viel schöner machen.

In der Tradition der Lyrik stehen die beliebten Poetry Slams, die auch mit Worten spielen.
Ja, es ist eine ganz wichtige, aber vor allem neue Form der Lyrik.

Wo siehst du den Unterschied zwischen Lyrik und Poetry Slams?
Die Gedichte der Poetry Slams sind auf spontane Reaktionen hin geschrieben, Lacher, Gefühle, generell schnell erzeugbare Emotionen sind wichtig. Große, tiefe Lyrik geht den Sachen hingegen mehr auf den Grund. Aber das mindert den Wert des Poetry Slams keineswegs; früher haben die Leute Gedichte über die Doppeleichen geschrieben, also das deutsch-dänische Verhältnis, heute ist Mona Harry mit ihrer Liebeserklärung an den Norden populär. Ihr ist damit wirklich ein schönes Stück Text gelungen.

Apropos Text: Kann der Text von Poetry Slammern schriftlich überhaupt funktionieren oder braucht es die Performance?
Nein, die Texte sind schriftlich nicht lesbar. In Hamburg gibt es ja schon länger eine Poetry-Slam-Szene und ich habe vor zehn Jahren schon deren Jahrbücher im Rotbuch Verlag als Lektor betreut. Diese Texte funktionieren nur live vor Ort.

Poetry Slam wird neben der Live-Performance auch über YouTube und Co. geteilt. Wird Lyrik hingegen klassisch auf Papier bleiben?
Ja, Lyrik wird dem Papier treu bleiben. Sie ist eine literarische Form für Minderheiten, die ein Gedicht auch sieben Mal hintereinander lesen wollen, um noch tiefer einzusteigen. Trotzdem gibt es in Deutschland eine starke Lyrikszene.

Bei euch erscheint heute ein Buch zu „Kiel im Gedicht“. Wie sieht denn die Kieler Lyrikszene aus?
Kiel hat mehrere Lyrikszenen. Es gibt starke Dichter in Kiel, etwa Arne Rautenberg, auch ältere, Dichter wie Hans-Jürgen Heise und Annemarie Zornack. Aber daneben gibt es auch eine starke Poetry-Slam-Szene mit Björn Högsdal und Mona Harry, die in Kiel leben und auftreten. Wie verankert sie schon sind, hat sich beim Neujahrsempfang der Kieler Nachrichten gezeigt: Da sind die wichtigsten norddeutschen Poetry Slammer aufgetreten – als Kulturact, dort, wo früher Klavier gespielt wurde.


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