Warum wir unsere Castingshow-Gewinner nicht mögen

Lesedauer: 4 Minuten

Wieso haben wir nichts gegen die internationalen Castingstars, unsere eigenen strafen wir aber mit Missachtung? Wir wagen einen Erklärungsversuch.

Es ist die mittlerweile vierzehnte „Deutschland sucht den Superstar“-Staffel, die in diesem Jahr über den Bildschirm flimmert. Nachdem 2003 mit Alexander Klaws der erste „Superstar“ gefunden wurde, hat sich im Format selbst einiges getan: Die Plätze neben Juror Dieter Bohlen nahmen immer wieder andere Musiker, Experten und vielleicht sogar mancher Musik-Experte ein, die Liveshows wurden vom Highlight zum Auslaufmodell und feiern jetzt doch wieder ein Comeback und natürlich wurde auch immer wieder an der Dramaturgie der gesamten Show gefeilt.

Was jedoch bleibt, ist eine Konstante: Trotz manch guter Sänger und Sängerin unter den Kandidaten, von denen der/die ein oder andere sogar die Show gewann, hat sich keiner langfristig als Superstar etabliert. Und das ist keine DSDS-Eigenart: Auch den Gewinnern von „The Voice“, „The X Factor“ und weiteren Castingsshows des deutschen Fernsehens gelang nicht das, was einen Superstar ausmacht – langfristiger, länderübergreifender Erfolg.

Blick ins Ausland: Leona Lewis, Adam Lambert und Co.

Und damit unterscheiden sich die deutschen Casting-Sänger von ihren Pendants im Ausland. Kelly Clarkson etwa gewann die erste Staffel „American Idol“ in den USA. Seitdem hat sie drei Grammys gewonnen. Leona Lewis ging als Siegerin von „The X Factor“ in Großbritannien hervor. Seitdem hat sie fünf Alben veröffentlicht. Adam Lambert wurde 2009 Zweiter bei „American Idol“. Heute tourt er u. a. mit Queen. Und aus Österreich feiert Christina Stürmer nach Platz zwei bei „Starmania“ ebenfalls länderübergreifenden Erfolg mit deutschsprachigen Songs.

Auffällig ist dabei vor allem: Selten wird einer dieser Künstler noch in den (deutschen) Medien oder der (deutschen) Gesellschaft mit seiner Casting-Vergangenheit in Verbindung gebracht. Ganz anders bei den deutschen Pendants. Gerade das Kürzel DSDS scheint als Stempel oder gar Makel anzuhaften. Das Naserümpfen über die Show-Teilnehmer gehört selbst in weiten Teilen der Popmusik nach wie vor zum guten Ton; symptomatisch scheint hier Dieter Bohlens Vorwurf, dass gerade in öffentlich-rechtlichen Radiosendern kaum DSDS-Siegertitel gespielt werden. Auch wenn in Zeiten von Spotify und Co. die Relevanz von Radio und anderen redaktionell betreuten Abspielorten geschwunden sein mag, stellt sich doch die Frage: Warum schätzen wir unsere eigenen Casting-Gewinner nicht wert, hören uns aber problemlos – und oftmals gerne – ihre internationalen Kollegen an? Es wäre zu einfach, eine mangelnde Qualität zu unterstellen: DSDS-Gewinner wie Daniel Schuhmacher und selbst zweitplatzierte wie Juliette Schoppmann verfügen über sehr individuelle, versierte Stimmen, die im Pop-Geschäft durchaus ankommen könnten.

Talente sehen ja, Sieger nein

Wahrscheinlicher ist daher: Wir Deutschen schauen unseren Landsmännern und -frauen gerne beim bei talentierten Auftritten (und ebenso gerne bei ihrem Scheitern) zu, solange daraus nicht sofort Ruhm entsteht. Das erklärt die Beliebtheit der DSDS-Castings oder der The Voice-Blind-Auditions. Schräge DSDS-Vögel dienen als „Haha, schau dir den mal an“-Selbstwertgefühl-Booster, gerade dann, wenn sie – wie lange nicht unüblich – mit fragwürdigen Vergleichen vom Jury-Pult weggeschickt wurden. Nahezu zeremoniell wird hingegen den Weiterkommern ihr Ticket in den Recall überreicht (DSDS) oder sie werden mit sich drehenden Stühlen in der nächsten Sendung willkommen geheißen – die kalte Schulter weicht dem warmen Händedruck bzw. der Umarmung (The Voice). Hier wird Talent honoriert, mit dem aber noch kein Ruhm einhergeht.

Einen Aufsteiger oder gar Gewinner sehen, wollen deutlich weniger Zuschauer. Neue Talente oder Freaks scheinen einen größeren Reiz auszuüben, wie ein Vergleich der Quoten von Staffelauftakt und Final-Shows bei DSDS zeigt.

Wie war das mit der Heldenreise?

Damit wird der ursprüngliche Reiz von DSDS und jeder anderen Castingshow, die Heldenreise mitzuerleben, torpediert: Es scheint unbeliebt, das einstige Talent mit emporgereckten Fäusten im Sieger-Konfettiregen stehen zu sehen. Der Sieger sollte eigentlich als Projektionsfläche dienen, als audiovisuell und gesanglich begleitete „Auch du kannst das schaffen“-Version des Tellerwäschers, der zum Millionär wird. Doch der neugeborene Star ist nun keine reine Projektionsfläche unserer Wünsche mehr, sondern zeigt gleichzeitig auch unseren Mangel auf: Denn plötzlich ist die ehemalige Identifikationsfigur ja weiter als wir. Und erfolgreicher. Jemand aus unserer Mitte – gestern vielleicht noch Servicekraft bei einer Fast-Food-Kette oder Kosmetikerin – wird heute plötzlich als „Superstar“ gefeiert. Und das schmerzt. Denn wir sitzen doch noch nach wie vor auf unserer Couch und schauen nur zu, wie innerhalb weniger Monate ein talentierter Nobody deutschlandweit bekannt wird.

Doch es greift zu kurz, dies nur auf einen Statusneid zurückzuführen, denn auch Fußballer oder Formel-1-Fahrer erhalten Ruhm, Aufmerksamkeit und Geld. All das, was uns auf der Couch nicht zukommt, und doch lassen wir sie nicht so schnell fallen. Denn wir haben den Aufstieg nicht gesehen. Wir sehen die Formel-1-Fahrer oder Bundesliga-Spieler als geschliffene Individuen. Nicht perfekt, aber schon oben angekommen. Wir sehen nicht die Entbehrungen in der Jugend, nicht das Training, nicht den Kampf mit sich selbst. Wir sehen keine Tränen, wenn eine Aufgabe auf dem Weg in den Olymp der Branche zu schwer scheint. Keine Freudensprünge, wenn die Aufopferung belohnt wurde. Kurzum: Wir sehen nicht den Weg, nur das finale Produkt.

Anderen mal was gönnen

Dies aufzubrechen ist das Prinzip des Reality-TV. Es will die Realität zeigen oder eben das, was für eine telegene Realität gehalten wird. Es erzählt die Wege bis zum Ziel. Mit dem Casting wird beim Reality-TV ein klares Startsignal gesetzt, egal ob bei „Germany’s Next Topmodel“, „DSDS“ oder „The Voice“. Es folgen Aufgaben, Entscheidungen, Battles, Recalls, kurzum Herausforderungen auf dem Weg zum Ziel. Und diese zu sehen und mitzubekommen, dass andere die Aufgaben bewältigen, denen wir uns selbst nicht stellen, trifft uns.

Genauso wie bei einem Thomas Müller oder Mesut Özil sehen wir in Deutschland nicht den Weg einer Kelly Clarkson durch die Castingsshow-Episoden. Wir nehmen sie als fertigen Star wahr, als Produkt, dass bereits geschliffen wurde. Daher haben wir kein Problem sie zu hören und als Superstar zu feiern, zu unterstützen und wertzuschätzen. Bei einem Daniel Schuhmacher jedoch macht uns genau das Probleme.

Dies zu akzeptieren hilft uns dabei, weniger Neid auf den Aufstieg zu empfinden. Anderen zu gönnen, dass sie sich entwickeln, besser werden, vielleicht sogar besser als wir selbst. Und zu verstehen, dass wir nicht immer nur das Ziel im Blick haben müssen, sondern auch den Weg.