Running Dinner: Und plötzlich kochst du für Fremde, die in deiner Wohnung sitzen

Lesedauer: 4 Minuten

Für Fremde kochen, bei Fremden essen: Running Dinner macht genau das zum Wochenend-Event. Unsere Autorin Nadine hat es ausprobiert.

Schnell noch Salz in den Topf werfen, bevor das Wasser sprudelt. Nebenbei die köchelnden Kartoffeln im Blick behalten – zu weich sollen sie ja auch nicht sein. Und wo ist eigentlich die Sahne, die wir für das Gratin brauchen?

Was normale, wochenendliche Koch-Action sein könnte, sind meine Vorbereitungen für Rudi Rockt. Nein, das ist kein DJ, sondern ein Anbieter für ein sogenanntes Running Dinner, das auch Jumping Dinner oder Flying Dinner heißen kann. Im Grunde sind alle Konzepte ähnlich: In zweier Teams wird gekocht, das Los entscheidet über Vor-, Haupt- oder Nachspeise, die man selbst zubereiten muss. Vier Gäste kommen zu einem nach Hause an den Tisch und es wird gemeinsam gegessen. Da aber pro Gastgeber nur ein Gang eingenommen wird, gibt’s die anderen Gerichte bei bis dato fremden Menschen – und Wohnungen.

„Das perfekte Dinner“, nur anders

Wie aus Fremdheit schnell Nähe werden kann, habe ich bei Rudi Rockt selbst gemerkt, immerhin habe ich dort auch vor einer gefühlten Ewigkeit meinen Freund kennengelernt. Ein Grund mehr, zum x-ten Mal teilzunehmen, diesmal mit der Unterstützung eines Schweizer Kumpels, der in einer WG im Hamburger Szene-Stadtteil Altona wohnt.

Und wenn man schon einmal mit einem Schweizer den Kochlöffel teilt, sollte es natürlich auch eine nationaltypische Spezialität sein, die wir unseren Gästen servieren. Da aber – anders als z. B. beim TV-Format „Das perfekte Dinner“ – nicht alle Gänge in einer Wohnung eingenommen werden und man entsprechend nach jedem Gang durch die Stadt fahren muss, gibt es immer zwei große Hürde: Erstens muss das Essen gut vorzubereiten und zweitens zwischen den Gängen schnell zu erwärmen sein. In unserem Fall war es das Hauptgericht, das wir freitags zugeteilt bekamen und dann samstag servieren mussten.

Wir kochen also mittags bereits die Nudeln und Kartoffeln, hobeln Gruyère und mischen alles mit Sahne, Milch und Gewürzen zusammen. Riecht zumindest gut, auch für mein deutsches Näschen, aber Zeit zum ausführlichen Probieren bleibt nicht: Kaum steht die Tonschüsseln im noch kalten Backofen, müssen wir uns auch schon auf den Weg zur Vorspeise machen.


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Die großen Fragen beim Running Dinner sind die: Schmeckt das Essen? Sind die Menschen nett? Wie sieht die Wohnung aus? Und natürlich: Muss ich weit laufen? Letztere Frage lässt sich dieses Mal erstaunlich positiv beantworten: alle Gastgeber sind in 10 Minuten Laufweite zu erreichen. Check.

In Sachen Menschen und Location ist Gang No. 1 auch ein Hit: Zwei junge Frauen sind die Gastgeberinneren, reichen uns und den anderen Gästen erstmal Rhabarbarschorle mit Himbeeren auf Sekt oder Selters. Damit inspizieren wir den Balkon, auf dem die Sonne, die sich den ganzen Tag versteckt hat, ihre Strahlen ausbreitet. Klar, so ein bisschen schaut man ja immer, ob bei den Gastgebern die Wollmäuse in der Zimmerecke fangen spielen oder kitschig-gruselige Puppen in Glasvitrinen stehen (beides hier nicht der Fall). Aber es geht ja vor allem ums Essen, nicht um Detektivarbeit à la MTV „Room Raiders“.

Apropos Essen: Die Vorspeise ist eine köstliche Kreation aus Mozzarella-, Avocado- und Mangostückchen mit Feldsalat und Baguette. Um im Notenschema des „Perfekten Dinners“ zu bleiben (das hier aber natürlich offiziell nicht vergeben wird), ist das mindestens eine neun. Übrigens auch die Mädels, mit denen wir auf einer Wellenlänge sind. Es wird viel gelacht und das Tischgespräch lässt keine unangenehmen Pausen entstehen. Aber für Pausen ist sowieso keine Zeit, denn gleich schlägt unsere Stunde beziehungsweise Gang. „Bis nachher!“, versprechen wir uns (was keine leere Floskel war, dazu später mehr) und umarmen uns zum Abschied, bevor mein Schweizer Kumpel und ich uns nach gut zwei Stunden zu unserem Essen machen, das immerhin noch finalisiert werden will.

Anspannung hoch 10 beim eigenen Gang

Über die letzten Sonnenstrahlen hinweg geht’s also wieder in die WG, in der sich in der Zwischenzeit leider nicht alles von selbst gelöst hat: Ein Stuhl fehlt (aber wofür hat man Nachbarn?), der Tisch ist noch sehr nackt. Außerdem die „Älplermagronen“ in den Backofen schieben, das Apfelmus dazu in Schalen füllen… und schon klingelt es. Unsere ersten Gäste sind da! Ein junger Mann und eine junge Frau kommen zur Tür herein, in ihrem Windschatten schon zwei Mädels. Vollzählig, also. Jetzt erstmal die Anspannung wegquatschen: Es gibt schon Berichte über die Vorspeisen und die Menschen, denen man dort begegnet ist.

Ach, und so ein bisschen am Weißwein nippen kann auch nicht schaden, während unsere Schweizer-Gratin-Variation im Backofen vor sich hin bräunt.

Die schmeckt dann übrigens unseren Gästen genauso wie mir selbst – niemandem fällt wirklich auf, dass wir den Schreibtisch als Esstisch umfunktioniert haben, dafür quatschen wir viel zu viel. Eine angenehme Atmosphäre, aber schneller als gedacht sind die zwei Stunden vorbei und wir müssen los, der Nachtisch ruft. Auf dem Weg in die dritte fremde Wohnung zum Dessert fällt dann sämtliche Anspannung von mir ab; das kann ich jetzt vollkommen genießen. Zumindest, solange ich den Gedanken an unsere Kochstätte verdränge – wir haben nämlich ein ganz schönes Schlachtfeld in der Wohnung hinterlassen.

Ganz anders bei den beiden jungen Männern, die uns in der Nähe des Altonaer Bahnhofs die Tür öffnen: von Schlachtfeld ist da nichts zu sehen. Es wird eine lustige Runde, feuchtfröhlich, und das Dessert, das direkt aus dem Ofen kommt, schmeckt zuckersüß. Es ist einem Kochvideo nachempfunden und wir nennen es Apfelkuchen-Dings aus der Pfanne.

Es ist schon fast zwei Uhr nachts als wir alle gemeinsam aufbrechen, mittlerweile sind noch weitere Freunde der Gastgeber dazugestoßen. Ein Teil macht sich auf den Weg ins Ausgehviertel, wir bleiben im Kiez und haben uns mit einer Gruppe verabredet, mit denen wir die Vor- und Hauptspeise eingenommen haben. Ein letztes Bier, ein letzter Austausch wie denn die Desserts so waren – und dann ziehen wir beglückt und ziemlich vollgefuttert durch die Nacht nach Hause. Nach einem Tag, an dem ich für fremde Menschen gekocht habe und mir sicher bin: gerne wieder.