Model Tony Eberhardt: „Wer nicht intensiv aufgeklärt wird, der verbindet seine Unwissenheit mit Angst.“

Lesedauer: 5 Minuten

Tony Eberhardt ist Model, engagiert sich aber auch sozial, etwa für Minderheiten. Ein Interview über seine Mr. Gay Germany-Wahl, Handicaps und soziales Engagement.

Klar ist es interessant zu erfahren, wie oft in der Woche ein Model Sport macht, was es isst und womit es sein Gesicht pflegt. Aber mal ehrlich: Ist es nicht viel spannender zu wissen, was den Menschen hinter dem Model bewegt? Tony Eberhardt geht offen damit um, er sagt, was ihn umtreibt. Sowohl dann, wenn es um sein Schwulsein geht, aber auch bei seiner Hörbehinderung. Denn er möchte anderen helfen, ein bisschen Vorbild sein.

Uns hat Tony Eberhardt im Interview erläutert, was hinter seiner Kampagne NEW TOMORROW steckt, wie andere mit seinem Handicap umgehen und warum er derzeit Bundesfreiwilligendienst macht.

Als Model bekannt geworden bist du durch die Wahl zu Mr. Gay Germany 2015. Wie oberflächlich geht es bei dem Wettbewerb und auch unter den Kandidaten zu?
Die Mr. Gay Germany-Wahl ist anders als die üblichen Mister- und Missen-Wahlen, denn die „Schönheiten“ werden nicht nur nach dem Äußeren bewertet. Da werden neben Fotoshootings und individuellen Gesprächen auch politische und historische Themen als schriftlicher Test abgefragt. Außerdem werden individuell vorgestellte Kampagnen bewertet und das sportliche Können wird gemessen. Die einzelnen Kandidaten sammeln Punkte und wer die meiste Punktzahl am Ende hat, der gewinnt. Es geht also nicht nur um die Optik, sondern den Menschen.


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Durch die Wahl bist du für die Community – und durch die mediale Begleitung auch darüber hinaus – sichtbar. Bringt der Titel denn was, konntest du damit gesellschaftlich etwas bewirken?
Ich habe aus meinem Titel was gemacht: Durch Interviews und Co. bin ich – und somit auch meine Botschaften – präsenter geworden. Schwierig fand ich das für die Dauerhaftigkeit, denn ständig dasselbe über mich zu erzählen ist auch nicht spannend. Man muss sich ständig neu- und weiterentwickeln, neue Ideen und Inspirationen sammeln. Und wichtig ist die Vernetzung. Aber ich denke schon, dass ich Menschen etwas helfen und sie ermutigen konnte – egal ob es die LGBTIQ-Community war oder Schüler, die in der Schule gemobbt wurden. Die schrieben mich an, erzählten mir von ihren eigenen Erfahrungen und bedankten sich für meine Persönlichkeit. Es kam auch vor, dass sich ehemaligen Klassenkameraden wegen ihres Verhaltens im Nachhinein entschuldigt haben.

Und was kommt als nächstes?
Als nächsten Schritt möchte ich einen Teil der Regierung wegen LGBTIQ-Rechte und Bildungspolitik (besonders Inklusion) scharf kritisieren und meine Argumentationen publizieren lassen. Deswegen hatte ich als Mr. Gay Germany-Kandidat eine Kampagne mit dem Titel NEW TOMORROW erstellt und weiterentwickelt.

Lass uns mal über NEW TOMORROW, deine eigene Kampagne, sprechen. Was verbirgt sich dahinter?
Es geht um Menschlichkeit, Aufklärung, Toleranz, Akzeptanz, Inklusion, Selbstverständlichkeit und Garantie und Schutz vom Staat. Menschen mit Benachteiligungen und Behinderungen, aber auch wegen ihrer Sexualität diskriminierte, haben keine vollständigen, barrierefreien Rechte, sie sind oft machtlos. Ich möchte so vielen Menschen wie möglich meine Stimme geben, denn die brauchen eine Stimme, besonders jene, die mehr Mut und Selbstbewusstsein brauchen. Ich bin daher auch gern ein Influencer: Ich möchte, dass die Menschen durch meine Gedanken und Visionen zum Nachdenken angeregt und auch angesprochen werden. Da ist auch Aufklärung besonders wichtig: Wer nicht intensiv aufgeklärt wird, der verbindet seine Unwissenheit mit Angst.

SO WHAT @mrgayworld_stuarthattonjr #inspiring

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Du engagierst dich auch darüber hinaus sozial, machst derzeit Bundesfreiwilligendienst in einer Sprachschule. Was ist deine Motivation dahinter?
Da ich sehr gerne mit Menschen arbeite, aber sie auch gerne unterstütze, fördere und richtig aufkläre – besonders auch als Identifikationsfigur – ist Lehramt die richtige Berufsauswahl für mich. Bevor ich aber Lehramt studiere, arbeite ich als Bundesfreiwilligendienstler seit August 2016 im Sprachheilpädagogischem Förderzentrum Neubrandenburg, einer Sprachheilschule für die Schulkinder von der Klasse 1 bis 4. Es macht mir sehr viel Spaß, jedoch bleibe ich in meiner Vorstellung, Schüler erst ab der 5. Klasse zu unterrichten. In der Grundschule steckt sehr viel Methodik und Aufklärung dahinter, ich bin aber der Typ, der gerne älteren Schulkinder unterrichten möchte.

Deine Hörbehinderung sieht niemand auf deinen Model- oder Instagram-Bildern. Wie reagieren Menschen, die es nicht wissen und dich das erste Mal treffen?
Wenn man auf meinen Bildern genauer hinsieht, sieht man an den Ohren schon die Hörgeräte, nur sie sind nicht auffällig. Ich spreche es am Anfang meistens nicht an, sondern erst während des Gespräches. Dann gibt‘s Bewunderungen oder Reaktionen, die mir als erstes nicht glauben, aber dann doch sehen, dass ich welche trage. Bis jetzt kam nur Positives raus. Auch meine Sprache, also die Aussprache, hat sich meiner Meinung nach kontinuierlich verbessert.

Wie würdest du dir den Umgang damit wünschen – sollen Leute nachfragen, wenn sie dein Handicap bemerken oder einfach gar nichts sagen?
Ich bin ziemlich offen, wenn die Leute wegen meines Handicaps wissen möchten, dann sage ja ich gerne was dazu. Wie ich zum Beispiel damit umgehe, wie es dazu kam, dass ich gehörlos bin und so weiter. Die wollen ja auch aufgeklärt werden.

Du spielst in deiner Freizeit Handball. Über was sind neue Teamkollegen oder die gegnerische Mannschaft verwunderter: Dass du Mr. Gay Germany warst oder ein Handicap hast?
Ich hatte es am Anfang etwas schwierig gehabt, wegen meiner Hörbehinderung. Da gab es von meiner Mannschaft auch mal ab und zu blöde Äußerungen wegen meiner Verständlichkeit und Aussprache. Später jedoch gingen die damit ganz offen und normal um. Ich bin auch kein Typ, der sagt: „Hey Leute ich bin so und habe das erreicht…“. Alles, was bei mir passierte oder passiert, lass ich laufen, und wenn die was mitkriegen oder erfahren, dann erzählen die mir es und fragen auch was nach. Am Ende sind sie interessiert und haben mir gegenüber Respekt, was ich schon erlebt und erreicht habe. Meine Mannschaft weiß, dass ich schwul bin, aber beim Sport geht es mehr um die Leistung. Jedoch spielt im Team die Persönlichkeit und Charaktereigenschaften einzelner Spieler eine sehr große Rolle. Das Team hält in gewissen Sachen zusammen, wie Akzeptanz und Vielfalt.

Letzte Frage: Wie entscheidest du, wem du auf Instagram folgst?
Auf Instagram folge ich besonders jenen, die ich persönlich kenne, die mich in gewissem Maße inspirieren und mich interessieren, wie Mode, Sport, Kunst und Natur.