„Europa First“? Gespräch über Trump-Rhetorik und Europa mit ‚enorm‘-Chefredakteur

Lesedauer: 4 Minuten

Gesellschaft und Medien unter Beschuss: Ein Interview mit dem Chefredakteur es Magazins „enorm“ Marc Winkelmann über Sprache und Verantwortung.

Europa 2017, vor den Wahlen in Frankreich, den Niederlanden und Deutschland: Der Blick geht in die USA, zu Präsident Donald Trump. Dekrete, Menschen aus größtenteils islamischen Ländern nicht mehr ins Land zu lassen, werden zwar von der Justiz abgewiesen, was aber nur ein Punktsieg im aufflammenden Konflikt unterschiedlicher Demokratieverständnisse zu sein scheint. Aber können wir Europäer mit dem Brexit im Gedächtnis sowie Le Pen und Wilders vor der Haustür wirklich überheblich über den Atlantik blicken? Das Wirtschaftsmagazin enorm widmet sich in seiner aktuellen Ausgabe der Frage, was – frei nach Faust – Europa im Inneren beisammen hält und es zukünftig weiter zusammen halten könnte. Mit Chefredakteur Marc Winkelmann haben wir über Sprache und Verantwortung in Medien und Gesellschaft gesprochen.

„Europa First“ ist die Titelzeile eurer aktuellen Ausgabe und spielt mit der auf Amerika gemünzten Aussage des amtierenden Präsidenten. Macht man sich damit nicht auch seine Rhetorik zu eigen?
Ja und nein. „Europa First“ versteht man nur in der Trump-Zeit. Auf der anderen Seite gehört es zum Kontext dazu, vor dem wir die Geschichte junger Europäer erzählen. Insofern docken wir da einerseits an, andererseits geben wir dem auch durch unser anderes Verständnis dieser Aussage Kontra.

Wie kam es dann zu dem Titel?
Unsere Ziel war von Anfang an, die vielen Ideen und Initiativen von jungen Europäern zu zeigen, abseits von dem, was Parteien und die Politiker in Brüssel bisher ermöglichen. Die Titelzeile ist erst zum Schluss entstanden. Sie soll neugierig machen, auch ein bisschen irritieren. Denn wir wollen keinem „America First“ ein „Europa First“ entgegensetzen und die Grenzen dicht machen – wobei das trotz aller derzeitigen Empörung ja auch in Europa passiert. Die EU unternimmt einiges, um Menschen an der Flucht nach Europa zu hindern. Im Vorspann wird dann klar, dass unser Verständnis davon, wie Europa eher aussehen könnte und sollte, ein anderes ist.

„Enorm“-Chefredakteur Marc Winkelmann

„America First“, aber auch „Lügenpresse“ oder „Altparteien“ sind Begriffe, die zuletzt häufig von der rechtspopulistischen Szene verwendet werden. Mittlerweile schleichen sie sich aber auch in Diskussionen, werden teils von Medien selbst genutzt. Sie scheinen also einen Einfluss auf unsere Sprache zu haben.
Definitiv. Das passiert und darauf muss man als Individuum aufpassen, aber natürlich auch als Medium. Denn Sprache ist wichtig, das sagt im aktuellen Heft auch der junge österreichische Abgeordnete Julian Schmid: Den Begriff „Heimat“, so meint er, müssen wir wieder auffrischen, ihm wieder eine allgemeingültigere Bedeutung geben. Er dürfe nicht mehr altbacken und aus der rechtskonservativen Ecke verstanden werden. Das ist ein Ansatz, der aber auch zeigt: Wir sind von den neuen rechtsnationalen Tendenzen auf dem falschen Fuß erwischt worden und sind es nicht mehr gewöhnt, dem etwas entgegenzuhalten. Stattdessen finden wir uns in einer defensiven, verteidigenden Rolle wieder und es fällt uns schwer, adhoc Argumente für die Demokratie zu finden.

Eine Institution, die derzeit sehr breit angegriffen wird, sind die Medien, mit Vorwürfen der „Fake News“ und der entgegengesetzten Präsentation von “alternativen Fakten”. Die Debatten dazu finden oft auch in den Medien selbst statt, nicht selten mit einer Verteidigungshaltung. Wie sieht es bei euch von enorm aus – seid ihr auch von den Vorwürfen betroffen?
Nein, bisher werfen uns Leser nicht vor, einer Staatspropaganda auf den Leim zu gehen und falsch oder bewusst falsch zu berichten. Ich glaube, wir werden da aufgrund unserer Herkunft und der Themen, die wir setzen, anders wahrgenommen als etwa der öffentlich-rechtliche Rundfunk oder überregionale Tageszeitungen.

Dennoch wird oft der ganze Berufsstand der Journalisten diskreditiert. Welche Reaktionen auf solche Vorwürfe hältst du für nötig?
Transparenz muss der erste Schritt sein. Man muss sich um eine glaubwürdige Aufklärung bemühen und auch Fehler zugeben – ohne Salami-Taktik. Ich weiß nur nicht, ob das reicht. Denn vor allem in den USA sehen wir die Präsentation von Fakten durch Presse und Kontrollinstanzen auf der einen Seite und die gegenläufigen Darstellungen von Trump und Co. auf der anderen Seite. Beispiel Kriminalitätsstatistik: Trump behauptet einen Anstieg, die Zahlen sagen das Gegenteil. Aber, und das ist neu: Das Widerlegen seiner Aussage hat keinerlei Wirkung. Ich hoffe, dass wir in Deutschland und Europa nicht so weit kommen, denn ich habe keine Ahnung, was man ab dieser Stufe des Lügens machen kann.

Es formiert sich Widerstand gegen diese „alternative Fakten“ und dieses Spiel mit demokratischen Prinzipien, sowohl im Netz, aber auch mit Demonstrationen in der Offline-Welt. Siehst du das als Gegentrend, gewissermaßen die Rückkehr des Physischen?
Nein, ich glaube nicht, dass das eine Gegenbewegung ist. Wir stecken vielmehr noch in einer Art digitaler Pubertät. Wir lernen gerade erst, mit den Geräten umzugehen – nicht nur technisch, sondern auch kulturell. Wir lernen momentan, was es bedeutet, dass mir die ganze Welt widersprechen kann, wenn ich nur einen Tweet oder Post absetze. Also keine Gegenbewegung, sondern eine weitere Facette des Austarierens: Kneipe oder Twitter? Persönlich oder Textform? Beides hat seine Berechtigungen, aber auch Vor- und Nachteile.

Im Editorial hast du eine Frage gestellt, die ich sehr bemerkenswert finde und von unserem zukünftigen Ich stammen könnte: „Haben wir damals, im Jahr 2017, genug gegen den drohenden Rechtsruck getan?“. Bei enorm habt ihr jetzt ein Heft zum Thema veröffentlicht. Reicht dir das?
Man kann immer mehr tun. Das Heft und die Geschichten, die wir veröffentlichen, sind das eine – hier wollen wir ja Zukunftsmachern eine Bühne geben und von ihren bemerkenswerten, inspirierenden Ideen, Initiativen oder Gründungen erzählen. Aber dann bleibt immer noch die Frage, wo ich zum Beispiel privat anpacke. Konkret machen wir als Familie das etwa, indem wir Geflüchteten helfen und sie auch mittel- und langfristig unterstützen. Oder dass wir Fleisch sehr bewusst und selten essen und versuchen, unseren Plastikmüll zu reduzieren. Wichtig ist dabei allerdings, dass das nicht zur Selbstgeißelung führt oder man mit Schuldgefühlen durchs Leben läuft, wenn es mit dem Engagement gerade mal nicht so klappt.


Mehr lesen auf So. Digi. Pop.: Warum wir Mashups für unsere Gesellschaft brauchen

Mashups, Gesellschaft und Relevanz - eine komplexe Angelegenheit.